Interview mit Dr. Stephanie Caspar, Vorstand Technologie und Daten bei Axel Springer SE

foto di matti

 

»Wenn man erfolgreich kundenzentriert arbeiten will, braucht man viele verschiedene Stimmen im Team.«

 

Über Dr. Stephanie Caspar

Dr. Stephanie Caspar hat als eine der Ersten das Marktpotenzial des Internets erkannt und nach dem Studium der BWL bei McKinsey an Digitalthemen gearbeitet. Da war gerade die erste Internetblase geplatzt. Das Vorantreiben des Digitalen Wandels zieht sich als roter Faden durch ihre gesamte Karriere. Bei eBay war sie unter anderem als Direktorin für Strategie tätig, danach bei ImmobilienScout24 als Mitglied der Geschäftsleitung. 2009 ist sie unter die Gründerinnen gegangen und hat den Online-Händler Mirapodo aufgebaut und geleitet. Seit 2013 bringt sie in verschiedenen Rollen bei Axel Springer digitale Themen voran - neuerdings auch als Vorstand Technologie und Daten. Als Ada-Mentorin unterstützt sie Gründerinnen bei der Weiterentwicklung ihrer Startup-Idee. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie es sich mit einer zweijährigen Tochter gründet, welche Trends sie verfolgt und auf welche Aufgaben sie sich in ihrer neuen Rolle als Vorstand besonders freut.

 

Name: Dr. Stephanie Caspar

Profession: Vorstand

Firma: Axel Springer SE

 

Wie bist du dazu gekommen, Mirapodo zu gründen und wie hast du es geschafft, die OTTO Group von Anfang an als Investor dabeizuhaben?

Seit 2001 befasse ich mich leidenschaftlich gern mit digitalen Geschäftsmodellen. Das ging bei McKinsey los, wo ich meine Doktorarbeit dem Thema eCommerce gewidmet habe, dann war ich lange bei eBay und danach bei ImmobilienScout24. Dort habe ich in der Geschäftsleitung in Teilzeit gearbeitet, nachdem ich Mutter geworden war.

Und genau in dieser Phase habe ich OTTO kennengelernt. OTTO hatte schon viel gedankliche Vorarbeit geleistet und sich mit erfolgreichen eCommerce-Unternehmen in den USA beschäftigt, die OTTO nach Deutschland bringen wollte. Dazu haben wir uns intensiv ausgetauscht und uns dann zusammengetan. Mirapodo war also eine eher untypische Gründung, weil die Finanzierung von Anfang an klar war und Gründungsteam und OTTO sehr eng zusammengearbeitet haben.

 

Als du im Jahr 2009 Mirapodo gegründet hast, war deine Tochter gerade zwei Jahre alt. Dein Mann ist ebenfalls Gründer. Wie habt ihr euch organisiert und welchen Rat kannst du angehenden Gründerinnen für die Familienplanung geben?

Wenn ihr Karriere machen wollt, sucht euch den richtigen Partner aus. Es macht einen riesigen Unterschied, wenn er oder sie deine Karriere genauso wichtig nimmt wie die eigene. Außerdem sollte man beruflich nicht den Fuß vom Gas nehmen, nur weil man theoretisch in den nächsten vier Jahren schwanger werden könnte. Erst einmal weiß man nicht, ob es wirklich passiert. Außerdem weiß man nicht, wieviel Babypause man am Ende braucht. Ich hatte zum Beispiel nach sechs Monaten den großen Drang, wieder zu arbeiten. Der dritte Rat ist, sich gut zu organisieren und qualitative Zeit für sich und die Familie einzuplanen. Mein Mann und ich haben unsere Kalender vernetzt und wir priorisieren wichtige Familienmomente. Wenn meine Tochter einen Wandertag hat, dann ist immer einer von uns dabei. Und das Wochenende gehört in den meisten Fällen uns als Familie.

 

Welche weiteren Ratschläge hast du für Frauen, die gründen wollen?

Egal ob Frau oder Mann – ich finde wichtig, sich klarzumachen, wie viel eine erfolgreiche Gründung einem abverlangt. Und meistens hat man wenige Ressourcen und viele komplexe Fragestellungen. Stelle also nicht vorrangig deine Freunde ein, sondern Menschen mit der größten Kompetenz in den kritischen Bereichen. Im besten Fall versteht man sich auch super. Aber gerade am Anfang sollte man das Managementteam strategisch besetzen. Am Ende zahlt es sich aus, obwohl dabei auch sehr unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen können.

Außerdem ist es wichtig, eine gute Disziplin im Management zu entwickeln und sich immer zu fragen, ob man gerade wirklich an den wichtigsten Themen arbeitet. Wir standen quasi jeden zweiten Abend bei Pizza und Softdrinks am Flipchart und haben unsere Top Fünf besprochen.

 

Du bist nach der erfolgreichen Gründung und Leitung deines Startups Mirapodo als Geschäftsführerin der WELT-Gruppe zu Axel Springer gegangen. Wie kam es zum Wechsel in die Corporate World?

Eine Gründung ist meistens auch eine Achterbahnfahrt. Nach den ersten vier Jahren stand Mirapodo plötzlich vor einer Weichenstellung. Die erste Möglichkeit: Mirapodo bekommt mehr Geld, um eine internationale Expansion und auch mehr Produktkategorien auszurollen. Die zweite war, sich eher am Profit zu orientieren und mit myToys zusammenzugehen. Beide Optionen habe ich mit meinem Team durchdacht und vorbereitet, aber natürlich wollte ich eher den ersten Weg.

Genau in dieser Phase wurde ich von Axel Springer angesprochen. Wenn der Vorstand von Axel Springer dich kennenlernen will, ist das so spannend, dass du das Gespräch zusagst. Mathias Döpfner und Jan Bayer haben mich mit dem Thema Medien regelrecht geknackt. Digitalisierung hat mich immer fasziniert und die Veränderungen in den Medien sind so umfassend, dass mich diese Aufgabe gereizt hat. Ich habe mir gesagt: „Ich guck‘ mir das mal an.“ Und dann war es super.

 

Das Vorstandsressort Technologie und Daten gab es bis vor kurzem nicht. Wie verändert die Digitalisierung Geschäftsmodelle von Verlagshäusern wie Axel Springer?

Wir sind bei der Digitalisierung sehr weit und machen mit digitalen Produkten 70 Prozent unseres Umsatzes. Weitestgehend hat jeder Bereich das relativ unabhängig für sich selbst umgesetzt. Das ist soweit aufgegangen. Wir haben starke Geschäftsführer und Gründer, die Digitalisierung in ihren Bereichen vorangetrieben haben. Seit einigen Jahren setzt sich zunehmend die Überzeugung durch, dass eine gemeinsame Tech- und Data-Strategie für die ganze Axel-Springer-Familie Vorteile hat und wir im Wettbewerb gemeinsam stärker sind. So können wir zum Beispiel über einzelne Einheiten hinweg bessere Produkte und Empfehlungen machen. Im Sinne des Plattform-Gedankens können wir etwa Software, die in einer Einheit entwickelt wurde, mehrfach bei unseren anderen Units verwenden. Im Moment verbinden wir unterschiedliche Teams über übergreifende Use Cases und Tech-Innovationen, von denen die gesamte Familie profitiert. Das ist eine sehr spannende Aufgabe.

 

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen steigt mit dem fortschreitenden Digitalen Wandel an. Siehst du hier einen Zusammenhang?

Wenn man erfolgreich kundenzentriert arbeiten will, braucht man viele verschiedene Stimmen im Team. Ein Fünfer-Team, das aus Männern mit der gleichen Ausbildung und den gleichen Hobbies besteht, hat möglicherweise Blind Spots. Deswegen kommt kundenzentriertes Arbeiten nicht ohne Frauen aus. Darüber hinaus hat sich durch die Digitalisierung auch beim Thema Kultur und Führung viel verändert: Bereichsübergreifende Perspektiven, Kommunikation und Transparenz, flache Hierarchien und mehr. Das alles kommt den meisten Frauen in Führungspositionen sehr entgegen. So erlebe ich es zumindest.

 

Welches Startup würdest du heute gründen – und warum?

Gründen ist unglaublich emotional, inspirierend und wertvoll. Deswegen kann ich mir in der Theorie auch vorstellen, es noch einmal zu tun. In der Praxis bin ich seit dem 1. März Vorstand bei Axel Springer und gebe Vollgas. Mein Job ist so spannend und bereichernd, dass Gründen weit weg ist. Aber auch in meinem jetzigen Job stellt sich oft die Frage, an welche Themen ich glaube und in welche ich gerade mein Geld investieren würde.

Ein Thema, was mich sehr beschäftigt, ist beispielsweise die Verbindung von User Generated Content und Artifical Intelligence. Außerdem passiert gerade viel rund um das Thema digitale Bildung und Wissensvermittlung und damit zusammenhängend die Veränderung der Sprache. Wir sprechen ja nicht mehr nur mit Menschen, sondern kommunizieren beispielsweise durch Siri oder Alexa auch mit Maschinen. Gerade für ein publizistisches Haus ist die Veränderung der Sprache ein unglaublich wichtiges Thema mit zahlreichen Möglichkeiten.

 

Welche Frage sollte dir öfter gestellt werden?

Während Meetings ist es die Frage, ob das besprochene Thema wirklich wichtig ist und ob nicht bereits alles gesagt wurde. Meetings dauern einfach meistens zu lang. Ansonsten freue ich mich auch, wenn Leute fragen, ob wir für das Meeting nicht nach draußen gehen und einen Spaziergang machen wollen.

 

Stephanie, vielen Dank für das Interview!

Leila Oppermann