Interview mit Martina Koederitz, Global Industry Managing Director bei IBM

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»Der War for Talents ist größer denn je«

 

Über Martina Koederitz

Das Handelsblatt hat sie »Deutschlands wichtigste Managerin« getauft. Martina Koederitz braucht aber keine lauten Töne, um ihre Macht zu behaupten - sie ist einfach extrem gut in dem, was sie tut. Mit 23 Jahren hat sie ihre Karriere bei IBM als Systemberaterin begonnen und sehr schnell Führungsverantwortung übernommen. Spätestens nachdem sie wenige Jahre später im Büro des damaligen IBM-Chefs Sam Palmisano anfing, wurde deutlich, dass auch dem Unternehmen ihr Talent aufgefallen war. Martina Koederitz wurde die erste Frau an die Spitze von IBM Deutschland berufen und hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, das Vertrauen von Menschen in Künstliche Intelligenz (KI) zu stärken und mehr Frauen für eine Karriere in Tech zu begeistern. Seit Januar 2018 ist übernimmt sie als Global Industry Managing Director die weltweite Leitung des Industrie- und Automobilsektors von IBM. Im Ada - Interview durften wir an ihrem riesigen Wissensschatz teilhaben und haben unter anderem nach den Startups von morgen und den wichtigsten Einsatzgebieten von KI gefragt.

 

Name: Martina Koederitz

Profession: Global Industry Managing Director

Unternehmen: IBM

 

Sie haben einmal gesagt, sie stellen viel und gerne Frauen ein, es mangele eher an Bewerbungen. Welche Vorteile bietet eine Karriere in Tech für Frauen?

We are coding the world! Innovationen und die neuen Geschäftsmodelle der Zukunft werden auf Basis des Internets, Data Insight, Künstlicher Intelligenz und Vernetzung neu entwickelt oder besser gesagt gecoded. Und dann meistens in Kooperation der Business und IT-Funktionen erarbeitet, sei es für eine bessere Umwelt oder ein effizienteres Gesundheitssystem, sei es für mehr Sicherheit in unserem beruflichen und privaten Leben. Dabei hat sich Diversity zu einem Indikator für diese Innovationen entwickelt. Sie entstehen nur, wenn wir in offenen Kulturen zusammenarbeiten und wenn wir hierarchiefrei und vorurteilslos anderen Menschen gegenüber auftreten. Das bietet Frauen große berufliche Chancen, ist abwechslungsreich und hochspannend.

 

Künstliche Intelligenz und das Internet of Things sind in immer mehr Bereichen präsent, IBM hat vor anderthalb Jahren ein Hauptquartier für Watson IoT in München eröffnet. In welchen Bereichen sehen Sie die größten Chancen und den größten Bedarf für technologische Innovation und warum?

Es ist unverkennbar, dass sich die großen Trends der IT-Branche aus den vergangenen Jahren – Cloud, Künstliche Intelligenz (KI), Analystics sowie das Internet der Dinge – nun miteinander verzahnen und disruptiv auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken. Große Chancen sehe ich in der Mensch-Maschine Interaktion, denn die Maschine wird den Mensch immer mehr unterstützen. Sei es beruflich in seinen Entscheidungen, wenn die KI-Lösung immer größere Datenmengen analysiert und das wesentliche herausfiltert. Oder sei es beim Autofahren, wenn die KI-Lösungen beispielsweise im Rahmen von AskMercedes als Chatbot bei Fragen an die Bedienungsanleitung hilft. Maschinen werden unser Leben vereinfachen und uns in eine Society 5.0 führen, in der Menschen und Dinge miteinander vernetzt sind und wir täglich voneinander lernen, damit wir fit für Neues bleiben.

 

Welche Art von Startups sollten heute gegründet werden, um morgen erfolgreich zu sein?

Erst die Kombination mehrerer Faktoren macht ein erfolgreiches Startup aus. Da ist zum einen die Kultur der Veränderung, die sich in der Art zu arbeiten konsequent an die Bedürfnisse des Marktes anpasst. In digitalen Geschäftsmodellen stehen die Kunden mehr denn je im Mittelpunkt – und Unternehmen brauchen eine auf sie zugeschnittene individuelle Ansprache. Dann benötigt es Mut und Risikobereitschaft sowohl von Seiten der Unternehmensführung als auch von jedem einzelnen Mitarbeitenden. Und als dritten Faktor sehe ich Diversity im Teams, um verschiedene Blickwinkel einfließen zu lassen. Damit eng verbunden ist eine bereichs-und fachübergreifende sowie unternehmensübergreifende Zusammenarbeit weg vom Silodenken. Des Weiteren braucht es eine positive Fehlerkultur, da Innovation und Fortschritt zwangsläufig auch mit Fehlern einhergehen, die erlaubt sein müssen, solange daraus gelernt wird. Und als letzten Faktor die Technologie, um die Kern-Expertise eines Unternehmens anhand seiner Daten zu analysieren, zu bewerten und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

 

Technologie bestimmt heute fast jeden Bereich des täglichen Lebens und die meisten Entwickler sind heute noch Männer. Welchen Einfluss hat das auf die produzierten Produkte?

Die Digitalisierung hat unsere Wirtschaft stark verändert. Manche Geschäftsmodelle wurden verdrängt und neue sind entstanden, so hat sich beispielsweise der stationäre Handel durch den online Handel stark reduziert. Grundsätzlich halte ich gemischte Entwicklerteams für die besten, da sie verschiedene Blickwinkel berücksichtigen und kreativer sind.

 

Wie finden Sie die richtigen Talente und was muss ein Unternehmen heute bieten, um sie zu halten?

Der War for Talents ist größer denn je und Unternehmenskultur und Arbeitsweise machen den Unterschied, welches Unternehmen gewählt wird. Eine offene Unternehmenskultur mit Austausch über alle Hierarchiestufen hinweg ist die Basis zu freiem innovativem Denken und Spaß an der Arbeit. Dazu gehören auch lebenslanges Lernen und Weiterbildung, was neue Chancen für die Mitarbeitenden eröffnet. So wie sich IBM in ihrer 107-jährigen Geschichte immer wieder transformiert und weiterentwickelt hat, haben sich auch die Skills und Möglichkeiten für die Mitarbeitenden verändert und erweitert.

 

In einer digitalen Zeit ändert sie die Rolle von Führungskräften. Welche Veränderungen und Anforderungen haben Sie in den letzten 5 Jahren beobachtet und was erwarten Sie für die nächsten 10 Jahre?

Moderne Führungskultur setzt heute auf Unterstützung, Vertrauen, Kooperation und Werteorientierung der Teams und geht damit weg von einer hierarchiebetonten auf Shareholder Value ausgerichteten Führung. Bei IBM binden wir beispielsweise unsere Mitarbeitenden regelmäßig aktiv ein und diskutieren mit ihnen auch Strategie und Werte unseres Unternehmens. Wir nutzen dazu eine bestimmte Plattform und beim letzten Jam zum Thema „Innovationen“ haben über 150.000 IBMerinnen und IBMer aus über 100 Ländern darüber gebrainstormt, welche Projekte das Unternehmen als nächstes angehen solle. Für die nächsten Jahre wird es darum gehen, die Expertise eines Unternehmens zu erweitern und in die Zukunft zu transformieren - und dabei die Mitarbeitenden zu qualifizieren und mitzunehmen.

Martina, vielen Dank für das Interview.

Leila Oppermann