Interview mit Linda Zervakis, Tagesschausprecherin und Ada-Botschafterin

 © Thuy Pham

© Thuy Pham

 

»Ich habe zwischendurch ganz oft Momente gehabt, in denen ich dachte, das wird ein Traum bleiben«

 

Über Linda Zervakis

Linda Zervakis kann eigentlich alles. Die meisten Menschen kennen sie als Nachrichtensprecherin der Tagesschau, in anderen Formaten untersucht sie auch Fragen rund um den freien Willen und das Erreichen der eigenen Ziele. Sie ist zweifache Mutter, hat bereits ein Buch geschrieben und moderiert dieses Jahr zusammen mit Elton den ESC Vorentscheid. Sie hat schon immer gearbeitet und es neben 15-Stunden Tagen trotzdem geschafft, ihre Mutter zu unterstützen. Im Ada-Interview haben wir gelernt, wie man erfolgreich ist, ohne dass wichtige Elemente wie Familiensinn und echte Freude am Job außen vor bleiben und warum die richtige Einstellung wichtiger ist als der richtige Zeitpunkt.

 

Name: Linda Zervakis

Profession: Moderatorin, Nachrichtensprecherin

Web: https://www.lindazervakis.de/

 

War es schon immer dein Ziel, Nachrichtensprecherin zu werden?

Nicht wirklich. Ich hatte als Kind schon diese Faszination für das Fernsehen. Das war etwas, wo ich immer hin wollte. Aber als ich gerade angefangen habe, waren MTV und VIVA total angesagt, die Nachrichten waren da nicht wirklich auf meinem Radar. Ich hatte zwischendurch überlegt, Schauspielerin zu werden und habe dann aber gemerkt, das ist nichts für mich. Da hatte ich zwar noch nicht die ganz große Vision aber habe mich gefragt: Bin ich diejenige, die mit dem Koffer von Theater zu Theater tingelt? Zu der Zeit hatte ich noch den Kiosk meiner Mutter und wusste: ich kann gar nicht in eine andere Stadt. Das hat mich auch gehemmt. Ich hatte immer Visionen aber irgendwie war ich immer auch eingeschränkt.

 

Was hat dir auf dem Weg zum Erfolg geholfen?

Fleiß und Dranbleiben. Es gab oft Momente, in denen ich dachte ‘das klappt nicht mehr’ - letztendlich bin ich ein Spätzünder. Bei mir hat das ja schon alles sehr lang gedauert und deswegen brauchte ich ein gewisses Durchhaltevermögen. Ich habe zwischendurch ganz oft Momente gehabt, in denen ich dachte, das wird ein Traum bleiben. Der Befreiungsschlag war der Moment, als meine Mutter in Rente gegangen ist und ich nicht mehr an unseren Kiosk gebunden war. Da habe ich gesagt: so, jetzt kommt meine Zeit. Da war ich schon Ende zwanzig, Anfang dreißig. Ich habe dann irgendwann gemerkt: Wenn man etwas wirklich möchte, muss man für dieses Ziel auch arbeiten. Man kann nicht nur 65% geben und sagen ‘naja, so eine Work-Life-Balance ist auch nicht schlecht’ - das geht vielleicht später.

 

Du hast selbst zwei Kinder. Wie hat das Mutter-Sein deine Karriere beeinflusst?

Das war eher förderlich. Man muss mit einer Familie ein kleines Unternehmen führen. Früher konnte ich meine Tage so gestalten, wie ich wollte. Wenn die Kinder jetzt krank sind, dann muss ich mich am Riemen reißen. Das hat wieder mit Disziplin zu tun. Umso mehr freue ich mich dann auch, wenn ich meine Mutterrolle verlassen und meinen Job machen kann. So ist es zumindest bei mir, ich bin einen Schritt erwachsener geworden und weiß eher, worauf ich Lust habe und worauf nicht. Dadurch kann ich meine Kräfte viel besser einteilen. Früher habe ich mir viel mehr Gedanken gemacht, was irgendwer denken könnte, wenn ich etwas absage. Und ich habe einen ganz tollen Mann, der gleichberechtigt Papa ist und der auch Elternzeit genommen hat.

 

Du bist eine der bekanntesten deutschen Moderatoren überhaupt. Wie hast du deine Marke aufgebaut?

Ich bin von der alten Schule. Wenn ich irgendwo war und einen guten Job gemacht habe, wurde ich weiterempfohlen. Jetzt kommt auch wieder die Familie ins Spiel: ich habe nicht immer die Zeit, auf Social Media aktiv zu sein und Follower zu sammeln. Wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin, möchte ich nicht ständig irgendwas posten. Ich kann aber verstehen, dass das gerade komplett durch die Decke geht - ich bin nur leider wahnsinnig schlecht darin. Ich bin kein top Influencer. Man könnte das viel mehr nutzen aber das ist nicht meins.

 

Verändert sich durch den digitalen Wandel die Art und Weise, auf die Journalismus betrieben wird?

Gerade weil die Digitalisierung so vielfältig ist, wird das Spektrum immer breit bleiben und für jeden etwas anbieten. Manche setzen darauf, jede Eilmeldung sofort rauszugeben und dann gibt es diejenigen, die die Nachrichten doch etwas genauer aufbereiten und auch die haben ihre Zielgruppe.

Und: Digitalisierung macht Nachrichten menschlicher. Die Tagesschau war früher einfach 15 Minuten Informationssendung um 20 Uhr. Heute kommen wir nicht drum herum, uns online aufzustellen und zum Beispiel die 100 Sekunden fürs Handy zu machen. Das Schöne daran ist, dass wir dadurch greifbarer werden. In dem Moment, in dem wir etwas persönliches preisgeben, haben Zuschauer nicht mehr das Gefühl, dass man eine Art Ansagefrau oder -mann ist, sondern man weiß ein bisschen was über die Person, die man jeden Tag in seinem Wohnzimmer sieht.

Linda, vielen Dank für das Interview!

Leila Oppermann