Interview mit Kerstin Humberg, Gründerin des Berliner Startups »Yunel«

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»Eine starke Vision kann auch bei Gegenwind für den nötigen Zusammenhalt sorgen«

 

Über Dr. Kerstin Humberg

To make happiness work – das ist Kerstin Humbergs persönliche Mission. Vor drei Jahren hat die frühere McKinsey Beraterin deshalb »Yunel« gegründet. Yunel nutzt Erkenntnisse aus der Glücksforschung, um Führungskräfte, Manager und Unternehmer bei der strategischen Planung für die zweite Lebenshälfte zu unterstützen. Zu Yunels Produkten gehören sogenannte Halbzeit-Biographien und hochwertige, von Künstlern gezeichnete Life Maps. Der Firmenname Yunel ist eine Hommage an die beiden Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und Nelson Mandela. Yunel soll einen Beitrag in ihrem Sinne leisten. Kerstin ist gelernte Journalistin und Trainerin in Positiver Psychologie. Ihr Ziel war es, ein Unternehmen zu gründen, in dem sie mit ihren Talenten und Passionen einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten kann. Mit Ada hat sie jetzt über Arbeit, Glück und Selbstbewusstsein gesprochen.

 

Name: Kerstin Humberg

Profession: Gründerin, Trainerin

Startup: Yunel

 

Warum sollten mehr Frauen Startups gründen?
Gründungen bieten eine Riesenchance für ein selbstbestimmtes Leben im Einklang mit den eigenen Zielen und Werten. Das gilt für Frauen genauso wie für Männer.

 

Trotzdem gründen Frauen immer noch selten. Wie können sie genug Selbstbewusstsein entwickeln, um den Schritt zur Unternehmensgründung zu wagen?
Da gibt es kein Patentrezept. Wer sich seiner selbst bewusst sein will, sollte seine Stärken und Fähigkeiten erkunden. Die positive Psychologie bietet hier viele Ansatzpunkte: Womit habe ich mich schon im Kindergarten aus eigenem Antrieb beschäftigt? Welche Tätigkeiten geben mir Energie? Was bleibt ohne Mühe in meinem Gedächtnis? Wer seine Stärken kennt und nutzt, entwickelt Selbstvertrauen in sein Potenzial. Für Gründer ist das meines Erachtens essentiell. Nur wenn ich darauf vertraue, dass mein Engagement am Ende Erfolg verspricht, bin ich bereit zu investieren und Rückschläge in Kauf zu nehmen. 

 

Wie war das bei Dir?
Rückblickend habe ich sehr davon profitiert, über zehn Jahre hinweg als einziges Mädchen in einer Jugendmannschaft Fußball zu spielen. Dabei habe ich gelernt, Grenzen zu verteidigen, im Sturm alles zu geben, und auch bei Rückständen Durchhaltevermögen zu zeigen. Meinem Vater habe ich es zu verdanken, dass ich zeitweise auch Spielführerin war. Er hat mir beigebracht: Was Jungs können, können Mädchen schon lange! Bis heute sind diese Erfahrungen von unschätzbarem Wert für mich. Denn: Persönliche Haltungen und Denkweisen wirken sich stark auf das eigene Verhalten aus. Positiv wie negativ. Die gute Nachricht: Auch im Alter lassen sich sogenannte Mindsets noch verändern. Effektive Ansätze liefern wiederum die Positive Psychologie und Hirnforschung. 

 

Du bietest Workshops und Coachings zum Thema ‘Selbstführung’ an. Was verbirgt sich hinter diesem Wort?
Gemeint sind damit verschiedene Kompetenzen, die einem dabei helfen, die berufliche und persönliche Entwicklung im Einklang mit persönlichen Stärken und Werten zu gestalten. Letztlich geht es darum, sich selbst möglichst gut zu kennen und zu wissen, was man braucht, um seine Ziele zu erreichen. Je zentrierter ich in meinen Gedanken, Gefühlen und Aktivitäten bin, desto besser kann ich mich und andere führen. 


Und wie führt man sein Team durch eine schwierige Phase?
Positive Kommunikation ist für mich das A und O. Auch in kritischen Situationen versuche ich transparent und wertschätzend zu kommunizieren. Gleichzeitig sind geteilte Werte und Ziele entscheidend. Oft zeigt sich gerade in stressigen Zeiten, wie gut ein Team wirklich funktioniert. Eine starke Vision kann auch bei Gegenwind für den nötigen Zusammenhalt sorgen. Darüber hinaus versuche ich auch kleine Erfolge mit dem Team zu feiern. Das stärkt den Zusammenhalt. 

 

Gibt es etwas, das dich beim Gründungsprozess überrascht hat?
Am Anfang habe ich unterschätzt, wie lange Dinge dauern können, wenn man alles selbst macht. Gut Ding will Weile haben trifft hier wirklich zu. Allein die Namensfindung: Der Firmenname sollte kurz und prägnant sein, in verschiedenen Sprachen funktionieren, als Web Domain und Marke verfügbar sein – und idealer Weise eine starke Botschaft transportieren. Wenn das eigene Startup darüber hinaus an die eigene Biografie geknüpft ist, fühlt es sich an, als würde man sich selbst einen neuen Namen geben.


Was macht Dich glücklich, wenn Du an die vergangenen drei Jahre denkst?
Das Gefühl, eine verrückte Idee zum Leben erweckt zu haben. Mich getraut und andere Menschen für meine Idee begeistert zu haben. Inzwischen profitiert Yunel von einem achtköpfigen Team. Vor allem die gemeinsam realisierten Life Maps lassen mein Herz höherschlagen. Bei aller finanziellen Unsicherheit liebe ich die Unabhängigkeit, die mir die Gründung gebracht hat. 

 

Wie können angehende Gründerinnen auch während der stressigen Aufbauphase glücklich sein?
Das bewusste Erleben positiver Emotionen ist hilfreich: Wer oder was inspiriert mich? Wofür bin ich dankbar? Auch Klarheit bezüglich der eigenen Motivation ist essentiell. Das Gefühl von Sinn ist ein starker Treiber, wenn es um Glück geht. Dabei muss der Sinn nicht zwangsläufig sozial sein. Auch der Wunsch, wirtschaftlich erfolgreich zu werden, kann sinnstiftend sein. Darüber hinaus sind positive Beziehungen eine zentrale Säule unseres subjektiven Wohlbefindens. Gerade in Stressphasen sollten sich Gründerinnen nicht in ihr Schneckenhaus zurückziehen, sondern nach Unterstützung und Bestärkung suchen. Am besten in einem Netzwerk aus Gleichgesinnten. 

Kerstin, vielen Dank für das Interview!

Leila Oppermann