Interview mit Sirka Laudon, Geschäftsführerin bei der »DB Vertrieb«

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»Man braucht die Fähigkeit, aus der Zukunft heraus neue Ideen zu entwickeln«

 

Über Sirka Laudon

Sirka Laudon hat Wandel zu ihrem Steckenpferd gemacht. Bevor sie Psychologie und Wirtschaft studiert hat, war sie Physiotherapeutin an der Charité. Heute ist sie Geschäftsführerin für den Bereich HR bei der »DB Vertrieb«, davor war sie bereits Head of HR Development bei »Axel Springer« und »OTTO«. Sie ist bekannt dafür, große Unternehmen durch Transformationsprozesse zu leiten und verkörpert den digitalen Wandel und seine zielführende Integration wie wenige andere. Kleine Startups können sich schnell an neue Herausforderungen anpassen - wie schaffen es Großunternehmen, in Zeiten von Schnelligkeit und ständigem Wandel erfolgreich zu bleiben und gleichzeitig ihren Markenkern beizubehalten? Das und mehr haben wir im Ada-Interview nachgefragt.

 

Name: Sirka Laudon

Profession: Geschäftsführerin für den Bereich HR

Unternehmen: DB Vertrieb GmbH

 

Welche Bereiche von Großunternehmen werden durch Digitalisierung am meisten verändert und wie übesetzt man althergebrachte Unternehmensstrategien digital?

Die erste Ebende ist Strategie: Ein Unternehmen wie »Axel Springer« hat zum Beispiel gesehen, dass Zeitungsverkäufe rückläufig waren und sich gefragt, was die eigenen Kernkompetenzen sind. Eine Lösung war, Onlinemarktplätze wie Immonet zu kaufen und so auch online vom Anzeigenmarkt zu profitieren. Die dahinterliegende Strategie war also: alles das, was man schon in der analogen Welt gut konnte, konsequent in die Onlinewelt zu übertragen.

Die zweite Ebene sind Prozesse der Unternehmenskultur. In der heutigen Zeit verändert sich die Art der Kundenbeziehung. Sie ist komplexer und weniger vorhersagbar. Man muss sich ständig neu erfinden und von Bekanntem loslassen. Hierfür muss man eine maximale Veränderungsbereitschaft in die Organisation bringen und die Geschwindigkeit erhöhen. Das schafft man durch flache Hierarchien, Experten in Verantwortungspositionen und Führungskräfte auf Augenhöhe mit ihren Teams.

Die Dritte Ebene ist die der Prozesse. Das, was im Geschäftsmodell verankert ist und das, was kulturell gelebt wird, muss sich auch in den Prozessen wiederfinden. Das betrifft zum Beispiel die Methoden, mit denen man arbeitet und die Werkzeuge und Systeme, die zur Organisation der Zusammenarbeit verwendet werden. Hier zeigt sich, wie ernsthaft man die Kultur wirklich umsetzen will.

 

Alte Arbeitsweisen waren oft von Routinen geprägt, die jetzt nach und nach aufgebrochen werden. Wie schafft man es, dass alle Mitarbeiter den Wandel mittragen?

Man muss die Geschichte so erzählen, dass die Mitarbeiter merken, warum das Thema für sie relevant ist und was sich für sie persönlich verbessert. Man sollte ein hoffnungsfrohes Zukunftsbild malen und kein Schreckensszenario. Das machen viele Unternehmen verkehrt. Dass viele Routineaufgaben automatisiert werden, hat zum Beispiel die positive Seite, dass Menschen mehr gefordert werden, abwechslungsreichere Jobs haben und ihre ganze Kompetenz einbringen können.

 

Was bedeutet ‘Intrapreneurship’ für dich und warum ist das Thema relevant?

Moderne Geschäftsmodelle verlangen Mitarbeiter, die Kompetenzen wie maximale Veränderungsbereitschaft, Innovationsfähigkeit und kreatives Denken mitbringen. Sie müssen in der Lage sein, Sachen schnell umzusetzen. Ein Intrapreneur ist also jemand, der bestehendes Hinterfragt, größere Zusammenhänge im Blick hat und daraus neue Lösungen entwickelt. Dazu bringt er auch noch die Durchsetzungskraft und Überzeugungsfähigkeit mit, Neues im Unternehmen zu verbreiten. Um das zu schaffen, sind auch Kommunikationsstärke, Methodenkompetenz und  Einfühlungsvermögen wichtig. So wird aus einer Idee ein anfassbares Produkt. Heutzutage kommen viel schneller Geschäftsmodelle auf den Markt, die ebendiesen disruptiv verändern. Daraus wächst die Notwendigkeit für Unternehmen, Intrapreneure zu beschäftigen, die dem Unternehmen wichtige Impulse geben, wie man sich immer wieder neu erfinden kann.

 

Moderne Mitarbeiter brauchen moderne Führung. Welche neuen Kompetenzen müssen Führungskräfte von heute mitbringen?

Führung als Hüter von Qualität und Perfektion geht zugunsten einer höheren Geschwindigkeit zurück. Während früher der Fokus darauf lag, das Team zu motivieren und begeisternde Ziele zu setzen, richtet Führung von heute sich nach außen und vernetzt sich mit Kooperationspartnern, anderen Unternehmen und Stakeholdern. Auch das Modell, bewährte Strategien fortzuführen und zu multiplizieren, verändert sich komplett. Auf die Erfolge der Vergangenheit zu schauen, ist heute ein Fehler. Man braucht die Fähigkeit, aus der Zukunft heraus neue Ideen zu entwickeln. Hier wird Frauen oft eine höhere Kompetenz zugesprochen, weil es eben um Vermitteln und Netzwerke geht und nicht mehr darum, dass einer weiß, wie es geht, und alle anderen anführt. Von daher kann man sagen, dass das neue Zeitalter eines ist, in dem Frauen mit ihren Fähigkeiten eine viel größere Plattform erhalten.

 

Siehst du einen Zusammenhang zwischen Digitalisierung und einem höheren Anteil an Frauen in Führungspositionen?

Auf der einen Seite stimmt es, dass als weibliche gesehene Kompetenzen wichtiger werden. Auf der anderen Seite ist Digitalisierung eng mit IT-Kompetenz verknüpft und dieser Bereich ist leider immer noch sehr stark von Männern dominiert. Das sieht man vom Silicon Valley bis Deutschland. Hier wäre eine stärkere Förderung schön und mehr Frauen, die den Mut haben, sich in einen harten Wettbewerb zu stürzen.

 

Neben IT-Kompetenzen: In welchen Feldern sollten Frauen ihre Fähigkeiten weiter stärken?

Souveränität und Selbstvertrauen. Man kann auch mit einem unperfekten Produkt auf den Markt gehen. Um dieses Selbstvertrauen zu stärken, sind Vorbilder extrem wichtig. Eine Frau zu treffen, die sich erfolgreich im Tech-Bereich bewegt, hat einen größeren Effekt als jeder theoretische Input, den man geben kann.

 

Sirka, vielen Dank für das Interview!

Leila Oppermann