Interview mit Viviane Blumenschein, Filmemacherin

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»Man muss ein bisschen größenwahnsinnig sein«

 

Über Viviane Blumenschein

Viviane Blumenschein hat Kulturwissenschaften studiert aber eigentlich schon immer beim Film gearbeitet. Sie hat unter anderem bei Wolfgang Becker (Goodbye Lenin) und beim BBC in London Zwischenstationen eingelegt. Durch Filme wie „Mitsommernachtstango“ ist sie bekannt geworden. In ihren Dokumentationen portraitiert sie oft Menschen, die Unerwartetes tun und ihre Träume verwirklichen, ohne dabei jemals rührselig zu sein. Als nächstes erscheint von ihr „the invisible line“ ein Film über Ursprung, Heimatsuche und Weiblichkeit - wir dürfen gespannt sein!

 

Name: Viviane Blumenschein

Profession: Filmemacherin

 

Du Arbeitest als Regisseurin selbstständig und entwickelst auch viele Filmideen selbst. Wie entsteht aus einer Idee ein Film?

Ideen kommen auf unterschiedlichste Art und Weise zu einem. Ich gehe gar nicht wahnsinnig auf die Suche sondern lese zum Beispiel einen Artikel über eine spannende Person oder ein Projekt und denke mir dann - ‘wow, darüber sollte es einen Film geben’. Dann spielt der Zufall eine große Rolle. Man spricht mit anderen Leuten darüber und dann entsteht irgendwann ein großes Projekt. Man muss aber auch dabeibleiben und sofort anfangen, umzusetzen. Sonst landen gute Ideen in der Schublade und verstauben. Wichtig sind in jedem Fall gute Kollaborateure, wie zum Beispiel ein guter Produzent, der an die Idee glaubt und die Finanzierung auf die Beine stellt.

 

„Mitsommernachtstango“ ist 2014 sehr bekannt geworden. Wie dreht man einen erfolgreichen Film?

Das kann man nicht planen, man muss sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Wir wussten, dass Tango in Deutschland sehr beliebt ist und es war klar, dass der Film humorvoll sein soll. Die Musik hat auch viel zur Stimmung im Film beigetragen. Dann muss man den richtigen Moment abpassen und die richtigen Leute zur Umsetzung finden. Außerdem gibt es Testscreenings, wo der Film einer kleineren Gruppe von Leuten vorab gezeigt wird. Aber wie gesagt: Ob ein Film funktioniert, weiß man oft erst im Nachhinein.

 

Du sprichst in deinen Filmen oft soziale Probleme an. Worauf achtest du bei der Umsetzung?

Ich will keine Betroffenheitsfilme machen sondern die Stärke der Menschen zeigen. Für ‘Dance for All’ bin ich in die Townships von Südafrika gefahren und habe einen Film über Balletttänzer gemacht. Mich haben einfach die Leute dort fasziniert. Die Familien, aber besonders die Mütter, die Tänzer und Tänzerinnen. Man muss die Leute wirklich kennenlernen, um nicht mit einem westlichen Blick draufzuschauen und in Klischees zu verfallen. Mir ist wichtig, dass die gezeigten Personen sich im Film wiederfinden. Ich verliebe mich oft in meine Drehorte und fahre zum Beispiel jedes Jahr wieder nach Südafrika.

 

An Filmen arbeiten viele Menschen und bringen ihre Sichtweisen mit. Deine Bildsprache und deine Filme insgesamt haben aber einen hohen Wiedererkennungswert. Wie schaffst du es, dass der Film immer deine Handschrift trägt?

Das frage ich mich auch (lacht). Ich wechsle die Kameraleute, ich wechsle die Themen, ich wechsle die Protagonisten und die Orte. Selbst wenn ich versuche, es anders zu machen, lande ich immer wieder bei der gleichen Art, Menschen nahe zu kommen. Natürlich suche ich beispielsweise meine Kameraleute danach aus, dass sie visuell zu mir passen. Persönlichkeit ist auch sehr wichtig. Es gibt Menschen, mit denen reibt man sich auf positive Weise. Durch kreative Kämpfe entsteht Weiterentwicklung.

 

Wie setzt du deine Pläne am Set durch?

Ich denke, je unsicherer man ist, desto eher ist man Diktator. Ich brauche ein gutes Team. Mir ist wichtig, dass die Stimmung gut ist und alle an einem Strang ziehen. Natürlich gibt es am Set klare Hierarchien und die sind auch nötig. Es gibt eine Vision, für die alle arbeiten. Wenn jeder sein Ding macht, kommt man zu keinem guten Ergebnis.

 

Welche Eigenschaft hat dich bei deinem Erfolg am meisten unterstützt?

Mut. Am Anfang von „Mitsommernachtstango“ kommt zum Beispiel der sehr bekannte finnische Filmemacher Aki Kaurismäki vor, der die Geschichte von finnischem Tango als erster bekannt gemacht hat. Der mag es eigentlich gar nicht, selbst vor der Kamera zu stehen. Ich kannte seine Filme und fand die Musik darin schon immer wunderschön. Als das Konzept für meinen Film stand, habe ich ihn angerufen. Ich bin nach Helsinki geflogen und mit ihm Mittagessen gegangen. Dabei haben wir zwei Flaschen Wein getrunken und am Ende hat er ja gesagt. Man muss ein bisschen größenwahnsinnig sein und sich einfach mal was trauen.

 

Du unterstützt auch andere Regisseurinnen. Wie machst du das?

Was sehr wichtig ist, sind Kontakte. Ich verbinde sie mit Kameraleuten und Produzenten, die zu ihnen passen. Ich habe selbst viele Menschen kennengelernt, die meine Arbeit mögen und unterstützen. Die richtigen Menschen zusammenzubringen und daraus Gutes entstehen zu sehen, ist etwas ungemein Erfüllendes.

 

Viviane, vielen Dank für das Interview!


 

Leila OppermannMentor